hab ich noch nie erlebt, nicht einmal gekannt. Nach einem Wort dafür habe ich gesucht. Noch fand ich - keins. Fast alle scheitern an der romantischen Liebe und versuchen doch immer wieder dasselbe. Habt ihr alle vergessen, dass es etwas anderes gibt?
Menschen haben immer schon besondere Verbindungen zueinander gehabt. Beziehungen, die tiefer gehen als gewöhnliche Freundschaften und ihre eigene Form gefunden haben.
Zuneigung und Verbundenheit, ausgedrückt in leidenschaftlichen Briefen, Gedichten und Romanen, nicht einmal die Boston Marriages mussten sich erklären.
Die Freundschaft scheint mir die höchste Form menschlicher Verbundenheit. Und warum gerade diese Eine? Darauf gibt es nur eine Antwort:
„Weil sie es ist. Weil ich es bin“
unterscheidet Freundschaften nach ihrem Grund: solche, die aus Nutzen entstehen, solche, die aus Vergnügen entstehen, und solche, die auf dem Wesen des anderen Menschen beruhen. Die letzte ist die wertvollste.
Nicht, weil der andere etwas gibt. Sondern weil er ist.
Geduld, Vertrauen, Mitgefühl und das Gefühl, beim anderen angekommen zu sein, sind die dauerhafteste Form von Nähe.
Die Ruhe, neben einem Menschen sein zu können. Nicht aus Gewohnheit. Nicht aus Erwartung. Sondern aus freier, gemeinsamer Entscheidung.
Eine Hand, die hält. Ein Kopf auf der Schulter. Unser Körper kennt diese Sprache längst: jede:r braucht das!
Sie bleibt den Liebenden zu Unrecht vorbehalten.
Ich brauche keine Schwüre und Versicherungen - keinen Liebesbeweis. Du an meiner Seite bist mein Rausch. Dich glücklich zu sehen meine Ekstase.
Verliebte beginnen mit blindem Vertrauen. Ich will sehend gewählt werden. Ich bin der Feuervogel! Jetzt - nicht irgendwann. Ich habe keine Zeit mehr!
Wenn Du jetzt fragst, warum denn ich? Dann sag ich Dir:
„Weil Du es bist. Weil ich es bin.“
Was sind wir dann?
Liebhaber und Geliebte?
Honi soit qui mal y pense.
Was wir gewöhnlich Freunde und Freundschaften nennen, sind nichts anderes als Bekanntschaften und Vertrautheiten, die durch irgendeinen Anlass oder eine Zweckmäßigkeit entstanden sind, durch die sich unsere Seelen miteinander verbinden.
In der Freundschaft, von der ich spreche, vermischen und verschmelzen sie miteinander in einer so allumfassenden Verbindung, dass sie die Nahtstelle, die sie miteinander verbunden hat, auslöschen und nicht mehr wiederfinden.
Wenn man mich drängt zu sagen, warum ich ihn liebte, spüre ich, dass sich dies nicht ausdrücken lässt, außer mit der Antwort:
Weil er es war; weil ich es war.
Michel de Montaigne, De l'amitié, 1580
Honi soit qui mal y pense.
Meine beste ich bin in die Hermannsteiner Höhle gestiegen, an den Plaz wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch wie von gestern angezeichnet steht geküsst und wieder geküsst dass der Porphyr seinen ganzen Erdgeruch ausathmete um mir auf seine Art wenigstens zu antworten.
Wenn ich meinem Herzen gefolgt hätte. Nein will brav seyn. Ich liege zu deinen Füssen ich küsse deine Hände.
Aus Zerstreuung tauch ich eben die Feder in den brennenden Wachsstock der auf dem Tische bey mir steht, sie scheint nach dem hefftigsten und reinsten Element zu verlangen, da ich im Begriff war Ihnen zu sagen daß ich Sie unendlich liebe.
Ich habe das liebe Band im Schreiben um die Hand gebunden, und küsse Ihnen in Gedancken tausendmal die Hände.
Ich küsse dich mit dem Kuß der Gedancken.
Wie es Nacht wurde wollt es schon nicht recht mit mir fort, und nun schlagen sie den Zapfen Streich den ich sonst an deiner Seite zu hören gewohnt bin, und mein Verlangen dich zu sehen wird schmerzlich.
Ich hab ein groses Verlangen zu wissen wie du geschlafen hast und ob du wohl bist. Ich habe gleich am Tasso schreibend dich angebetet. Meine ganze Seele ist bey dir.
Mein erstes Verlangen beym Aufwachen geht wieder zu dir. Mein ganzes Wesen wird dir immer fester verbunden. Ich kan so wenig von diesem Papier als von deiner Gegenwart mit Willen scheiden.
Adieu süse Unterhaltung meines innersten Herzens. Auf das Siegel drück ich einen Kuß und bin dein für ewig.
Lebe wohl du süse Freude meines Lebens, du einzige Sehnsucht meines ganzen Wesens.
Wecke den Amor nicht wenn der unruhige Knabe ein Küssen gefunden hat und schlummert.
Am 3. September 1786, um drei Uhr morgens, verließ er Karlsbad. Allein, unter falschem Namen. Eingeweiht war nur sein Diener. Ihr sagte er nicht, wohin.
Er blieb fast zwei Jahre. Zurück kam er und lebte mit einer anderen. Sie forderte ihre Briefe zurück. Erhalten ist keiner.
Hier stünde ihre Hälfte.
Johann Wolfgang Goethe an Charlotte von Stein, 1776 bis 1784
Honi soit qui mal y pense.
Du übst, du guter, lieber Junge, mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt über mein Herz aus.
Warum kann ich Dich nicht mehr verehren, o Du, den ich immer noch über alles liebe? Wie flogen wir vor einem Jahre einander, in Dresden, in die Arme! Wie öffnete sich die Welt unermeßlich, gleich einer Rennbahn, vor unsern in der Begierde des Wettkampfs erzitternden Gemütern!
Damals liebten wir ineinander das Höchste in der Menschheit; denn wir liebten die ganze Ausbildung unsrer Naturen, ach! in ein paar glücklichen Anlagen, die sich eben entwickelten.
Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft!
Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge; so umarmte Dich meine ganze Seele!
Mir ist die ganze Gesetzgebung des Lykurgus, und sein Begriff von der Liebe der Jünglinge, durch die Empfindung, die Du mir geweckt hast, klar geworden. Komm zu mir!
Geh mit mir nach Anspach, und laß uns der süßen Freundschaft genießen. Du hast in Leipzig mit mir geteilt, oder hast es doch gewollt, welches gleichviel ist; nimm von mir ein Gleiches an!
Ich heirate niemals, sei Du die Frau mir, die Kinder, und die Enkel!
Erhalte Dir die Ruinen Deiner Seele, sie sollen uns ewig mit Lust an die romantische Zeit unsres Lebens erinnern.
Nimm meinen Vorschlag an. Wenn Du dies nicht tust, so fühl ich, daß mich niemand auf der Welt liebt. Ich möchte Dir noch mehr sagen, aber es taugt nicht für das Briefformat. Adieu. Mündlich ein mehreres.
Heinrich von Kleist an Ernst von Pfuel, 7. Januar 1805
Honi soit qui mal y pense.
Geh in Dich und frag Dich, wer Dir am nächsten steht von allen Menschen; und frag Dich recht deutlich.
Ich schick Dir eine Schachtel mit dem großen Maiblumenstrauß, schmücke Deinen Hausaltar und verrichte eine Andacht für mich, es ist meine liebste Blum.
Den Kanarienvogel schenk ich Dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud verketzern.
Ich bin aber kein Kanarienvogel, und Du kannst mich nicht hingeben wollen; denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben.
Weißt Du noch, wie ich's Dir still nachsang, was Du so schauerlich mir vorsagtest, und weißt Du wohl, daß da mein Herz ganz voll Tränen war.
Im Nachhausereiten sah ich die Birke von fern, die so leise wehte, in der ich ohne daran zu denken, wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte.
Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb, sage mir auch, wie Ihr lebt.
Vor einigen Nächten träumte mir, Du seist gestorben, ich weinte sehr darüber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele. Als ich den Abend nach Hause kam, fand ich Deinen Brief.
Bettina von Arnim, Die Günderode, 1840
Honi soit qui mal y pense.
Die Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt, ist in diesem Jahrhundert jene große Zuneigung eines älteren Mannes zu einem jüngeren, wie sie zwischen David und Jonathan bestand, wie Plato sie zur Grundlage seiner Philosophie machte und wie man sie in den Sonetten von Michelangelo und Shakespeare findet.
Es ist jene tiefe, geistige Zuneigung, die so rein ist, wie sie vollkommen ist.
Sie durchdringt große Kunstwerke wie die von Shakespeare und Michelangelo, und auch jene beiden Briefe von mir, so wie sie sind.
Sie wird in diesem Jahrhundert missverstanden, so sehr missverstanden, dass man sie beschreiben kann als
the Love that dare not speak its name,
und ihretwegen stehe ich jetzt hier, wo ich stehe.
Es ist nichts Unnatürliches daran. Sie ist geistig, und sie besteht immer wieder zwischen einem älteren und einem jüngeren Mann, wenn der ältere Verstand hat und der jüngere alle Freude, alle Hoffnung und allen Glanz des Lebens vor sich.
Oscar Wilde vor Gericht, London, April 1895, aus dem Englischen
Honi soit qui mal y pense.
Als Sarah Orne Jewett in das Haus in der Charles Street kam, war sie zweiunddreißig und schrieb Erzählungen über die Küste von Maine. Annie Adams Fields war siebenundvierzig und gerade Witwe geworden. Für Witwe hatte die Gesellschaft ein Wort. Für das, was danach kam, hatte sie keines.
Sie lebten fünfundzwanzig Jahre zusammen. Winter in Boston, Sommer am Meer, dazwischen Reisen nach Europa, immer zu zweit. Sie hatten Kosenamen füreinander und schrieben sich fast täglich, wenn sie getrennt waren.
Boston nannte es eine Boston marriage und duldete es unter einer Bedingung: dass niemand fragte, was es genau sei.
Zwei Frauen durften alles miteinander, nur nicht es beim Namen nennen.
An ihrem dreiundfünfzigsten Geburtstag stürzte Sarah aus einem Wagen und verletzte sich an Kopf und Rückgrat. Sie hat danach kaum noch geschrieben. 1909 starb sie.
Annie überlebte sie um sechs Jahre. Sie stellte die Briefe zusammen, es sollte ein Denkmal werden. Ein Freund des Hauses sah die Sammlung durch und riet ihr, die Kosenamen zu streichen. Seine Begründung ist überliefert: sonst würden alle möglichen Leute sie falsch lesen.
Sie folgte ihm. 1911 erschien das Buch, darin eine warme, gesittete Freundschaft zwischen zwei Damen von Rang. Eine Frau von fünfundsiebzig hatte aus den Briefen ihrer toten Freundin die Stellen geschnitten, an denen sie geliebt wurde.
Man hat den beiden nichts verboten. Man hat ihnen nur nie erlaubt, es zu sagen.
Sarah Orne Jewett und Annie Adams Fields, Boston, 1882 bis 1911
Honi soit qui mal y pense.
Muss ich, die allein geht, immer wieder darauf stoßen, auf diesen Kobold unter den Pflanzen, den die Klugen ausrotten würden, mit dem das schräge Sonnenlicht spielen kommt: unsere kleine, goldstaubige Blume, den gelben Klee?
Den wir einmal beim Abschied, für eine Zeit, die uns damals lang erschien, ehe für dich alle Zeit vorbei war, zu unserem eigenen besiegelten.
Erinnerst du dich noch, wie jäh wir innehielten beim Steigen, zögernd, unwillig, auf jenem letzten Hügel, uns nach den Blüten bückten, die uns am nächsten lagen, und sie einander gaben als Zeichen?
Anstelle der Sprache. Anstelle von Worten, zu schwer, um sie zu sagen.
So begann es, dass dieser landstreichende, von niemandem geachtete gelbe Klee unsere zärtlichste Sprache wurde.
All die Jahre gab er den Sommerstunden neuen Reiz, wenn jede von uns darauf sann, die andere zu überraschen mit unseren schlichten, gekrönten Blumen, Sonetten und Oden, die unsere täglichen Wege säumten.
Wie oft bin ich mit dir, du wagemutiges Herz, über diese schäumende See gefahren.
Freudgefährtin, Leidgefährtin, Geliebte.
Katharine Lee Bates an Katharine Coman, Yellow Clover, 1922, aus dem Englischen
Honi soit qui mal y pense.
Mein lieber Norman, ich bin gegenwärtig nicht in einem Zustand, in dem ich mich gut konzentrieren kann, aus Gründen, die ich im nächsten Absatz erkläre.
Ich bin jetzt in die Art von Schwierigkeiten geraten, die ich immer für möglich gehalten habe, auch wenn ich sie meist mit zehn zu eins dagegen veranschlagt hätte.
Ich werde mich demnächst schuldig bekennen, wegen Sexualdelikten mit einem jungen Mann. Wie das alles herausgekommen ist, ist eine lange und fesselnde Geschichte, aus der ich eines Tages eine Erzählung machen müsste, aber jetzt habe ich keine Zeit, sie dir zu erzählen.
Zweifellos werde ich aus alldem als ein anderer hervorgehen. Als welcher, habe ich noch nicht herausgefunden.
Ich fürchte, der folgende Schluss wird künftig von manchen benutzt werden:
Turing glaubt, Maschinen denken. Turing liegt bei Männern. Also denken Maschinen nicht.
In Bedrängnis, Dein Alan.
Alan Turing an Norman Routledge, Februar 1952, aus dem Englischen
Honi soit qui mal y pense.
Wir fühlen uns in der Gegenwart des anderen wohl. Wenn das mal nicht so ist, sagen wir es. Jede:r ist für seine Gefühle selbst verantwortlich.
Wir trauen uns gegenseitig das Ungefilterte zu, nicht nur die vorzeigbare Seite.
Wir stehen zueinander. Anvertrautes bleibt unter uns.
Jede:r darf sagen, was er oder sie möchte, und muss sich nicht erklären. „Geht gerade nicht“ ist eine vollständige Antwort und braucht keine Begründung.
Wir können über alles sprechen, auch über das Unfertige, Unsichere, Schwierige - inklusive der eigenen Eigenheiten (Ironie, Reizempfindlichkeit, Bedürfnis nach Distanz oder Nähe).
Was Nähe bedeutet - eine Berührung, gemeinsame Zeit, eine Erwartung -, wird verabredet, nicht einfach angenommen.
Diese Vereinbarung und deren Bestandteile gelten, solange beide sie wollen. Kein Schuldgefühl, wenn sich das ändert.
Wir sind stetig dabei zu lernen. Fehler dürfen passieren und werden nicht verurteilt, und wir gehen immer vom guten Willen des anderen aus.
以心伝心